Schwarz. Warum Schwarz? 2010

Ich war verliebt in Schwarz, in ihm waren alle Farben. Es ist nicht die Negation der Farbe … Schwarz ist die aristokratischste Farbe. Die einzige aristokratische Farbe. Für mich ist sie das Absolute. Du kannst ruhig sein, in ihr ist alles enthalten. Es gibt sonst keine Farbe, die dir das Gefühl von Totalität gibt. Louise Nevelson

Schwarz als Farbe der Bildträger und Rahmen bildet seit einer Weile die Grundlage für meine Werke. Schwarz nimmt sich zurück und veredelt zugleich das Objekt. Schwarz wertet auf. In meinem Anliegen, das scheinbar Hässliche zu ästhetisieren und aufzuwerten, wertzuschätzen, spielt Schwarz keine unerhebliche Rolle.

Grundlage meiner Bilder sind Materialien, die bereits entsorgt, ihrer eigentlichen und ursprünglichen Funktion entbunden und überflüssig wurden. Sie sind Unrat, Abfall, Müll geworden, wertlos und vergessen. Schwarz steht für angeschmuddelt, dreckig, schmutzig, ungewaschen, unrein, unsauber, verschmiert (ölverschmiert) und verdreckt. Meine Fundstücke befinden sich genau in diesem Zustand. Nach gründlicher Reinigung und Waschung sind sie befreit vom Schmutz und doch sind (Schmutz-)Spuren, neben denen der Witterung, der Alterung, der Zeit und des Gebrauchs sichtbar. Und genau Schwarz verleiht ihnen den Rahmen.

Schwarz steht auch für Tod und Trauer. Etwas ist zu Ende gegangen, hat ein Leben ausgehaucht, scheint verloren. Mein Anliegen ist es, etwas ins Leben zurückzuholen, es zu beleben, ihm die Dunkelheit und Leere zu nehmen. Den Reichtum sichtbar zu machen, die Patina, die Spuren des gelebten Lebens, die Erfahrung und die Weisheit.

Schwarz steht auch für Individualität und Eigenständigkeit. In der Philosophie steht Schwarz für den Existentialismus.

Die politische und gesellschaftliche Bedeutung von Schwarz ist in der christlichen Welt geprägt durch die ehemaligen Priestergewänder im Katholizismus (liturgische Trauerfarbe),  später durch die Reformation und bis heute auch Farbe des Anarchismus. Im Maoismus steht Schwarz auch für die Konterrevolution.

Schwarz steht auch für Autonomie. Ebenso steht es für Seriosität und im Chinesischen ist es auch eine Farbe der Ehrerbietung.

Im Gegenzug steht Schwarz für Dunkelhäutigkeit, Rassismus, Ausgrenzung, damit für ein Leben am Rand der Gesellschaft.

Meine Materialien finde ich an den Rändern der Gesellschaft, an verbotenen, meist abgesperrten Orten, wie Baustellen, Schutt- und Schrottplätzen und Bahnhofsgeländen.

Mein Anliegen ist auch ein gesellschaftspolitisches: zum einen gegen das kapitalistische  Entsorgen wertvoller Dinge, die als wertlos erklärt werden, weil im Sinne der Gewinnmaximierung täglich unüberschaubar viele neue Konsumgüter auf den Markt geworfen werden. Pflege, Erhaltung, Wartung, Reparatur  haben keinen Wert mehr, sind auch zu teuer angesichts von Niedriglohnproduktionen im Ausland. Müllberge entstehen, schlimmer noch, wir verlieren den Respekt gegenüber den Dingen, der Arbeit, den Rohstoffen, der Natur und den Investitionen, die wir für die Anschaffung der Güter geleistet und erwirtschaftet haben.

Zum anderen schmerzt der gesellschaftliche Umgang mit Alter sehr. Die Schönheit und der Wert gelebten Lebens, die Erfahrung spielen keine Rolle. Jugend, glatte Haut, Spuren- (Falten-)freiheit, einhergehend mit Unerfahrenheit, Unbefangenheit,  Naivität und auch Unfreiheit  haben den entscheidenden Wert.  Alter mit Gebrauchsspuren wird entsorgt.




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