Kreativität und das Schöpferische. 2010

Was inspiriert mich und und warum?

Mich inspiriert die Suche bzw. das Finden von Fundstücken mit Patina an stillen und unspektakulären Orten, z.B. Parkplätze, Bahngleise und Bahngelände, Baustellen, Schutt- und Abladeplätze, einsame Strandabschnitte (nach der Flut), Straßenränder, das Umfeld von Mülldeponien, Schrottplätze, Hafen, Container/Mulden … Ich schaue und finde ein für mich schönes (Abfall-)Stück und dann beginne ich zu schauen, ob es davon nicht mehrere gibt. Es gibt immer mehrere. Wie ein Wunder liegen sie da in ihrer Gleichheit und Differenz zugleich. Es entsteht eine Serie. Ich schaue ob ich 12, 16, 20 oder 256 Stücke von einer Sorte, aber jedes anders finde. Es gelingt immer.

Wann arbeite ich am kreativsten?

Ich arbeite am kreativsten, wenn ich zuvor an einem der oben beschriebenen Orte war und fündig geworden bin. Das stimmt mich „high“ und steigert meine Lust, sofort anzufangen und in die Umsetzung zu gehen. Der Besuch an solchen Orten ist ein Erwärmungsprozess für das Schöpferische. Weitere Werke entstehen wie nebenbei, habe ich erst mal angefangen. Auch zuhause sehe ich dann meine gesammelten Schätze wieder völlig neu.

Welche kreativen Menschen und Leistungen in der Geschichte schätze ich am meisten?

Mich beeindruckt zum einen Picasso, der nichts unbemalt und unbearbeitet ließ. An jedem Tag und zu jeder Stunde muss er quasi geschafft haben. Ich habe mal versucht hochzurechnen, angesichts der bisher gesichteten Werke, wieviel Bilder er pro Tag gemalt haben muss. Dieses „durch und durch mit den Ideen zu leben“, beeindruckt mich, unabhängig von seiner Genialität und seinem Können. Mich beeindruckt auch Louise Bourgois, die erst im hohen Alter sehr aktiv und erfolgreich wurde. Ihr Dranbleiben und sich dem eigenen Begehren verpflichten, ist ausschlaggebend. Joseph Beuys ist mir noch wichtig, weil er unverschämt frech war und den Kunstbegriff aufgeweicht und neu definiert hat. Ich mag seine Materialien, seine Kompositionen, sie schmeicheln meiner Seele, auch wenn ich sie nicht verstehe in ihrem Aussage.

Als besondere Leistungen in der Geschichte erachte ich: die Erfindung der Waschmaschine, die Frauen erlaubt, ein bisschen öfter künstlerisch tätig zu sein. Die Frauenbewegung, die bewirkt(e), dass auch Männer immer öfter die Wäsche übernehmen und Frauen noch mehr Zeit für ihre Anliegen haben. Eine Frau als Bundeskanzlerin und einen Menschen mit dunkler Hautfarbe als Präsidenten der Vereinigten Staaten. Demokratie als Staatsform, Rede-, Meinungs- und Pressefreiheit und die Menschenrechtskonventionen und die Abschaffung der Todesstrafe in großen Teilen der Erde.

Was würde ich einem Menschen raten, der in einer schöpferischen Krise steckt?

Anfangen, anfangen, immer wieder anfangen. Schaffens- bzw. Atelierzeiten festlegen, in den Werkraum gehen, Atelierkleider anziehen, da sein. (Auf-)räumen, mit den Dingen sein, sie in die Hand nehmen, gemütlich hinsetzen und Milchkaffee trinken und verweilen. Etwas Banales tun, wie Rahmen schleifen und streichen, in Kunstbänden blättern … Anfangen, anfangen, anfangen. Irgendetwas tun ohne Anspruch.

Welches ist (war) mein bestes Werk und warum?

Subjektiv ist das: ich wollte in späten Jahren noch eine Dissertation schreiben (neben einer vollen Praxis), weil ich mir erträumte, dies als Psychologin noch zu verwirklichen. Das Thema war gewählt, der Doktorvater endlich gefunden, das Exposé geschrieben und meine Laune war fortlaufend im Keller. Wieder raubte mir ein „muss“ den Raum, die Zeit und die Freiheit für das Schöpferische mit den Händen. Ich war dem Traum vom Doktor so nah wie noch nie und dennoch lagen drei Jahre mit schlechter Laune vor mir. Ich ging ein Wochenende dem ganzen Anliegen auf den Grund. Es entstand das Werk „Bis auf den Grund“ unter Bild zu finden), welches mir nicht nur gefällt, sondern zu dem Zeitpunkt künstlerisch einen Durchbruch darstellte. Ich sagte die Dissertation ab. Ein Auge weinte eine Weile noch ein wenig, doch der Rest strahlte, bis heute …. Hätte ich mehr Zeit, wäre diese Doktorarbeit durchaus ein spannendes Projekt. Im nächsten Leben! „Bis auf den Grund“ ist bislang unverkäuflich!

Welche Zeitgenossen gelten mir als besonders schöpferisch und warum?

Antoni Tàpies und Jannis Kounellis. Tàpies ist derweil über 86 und arbeitet und arbeitet. Er arbeitet nach dem Zufallsprinzip. Seine Werke erkenne ich von weitem und ich mag sie alle. Sie sind Balsam für meine Seele. Er hat eine politische Botschaft, er spielt mit den Materialien und ich liebe die gleichen Materialien wie er. Kounellis gehörte zu der arte povera Bewegung in Italien in der 50er Jahren des letzten Jahrhunderts. Dieser Kunstrichtung fühle ich mich zugewandt. Ich mag seine monumentalen Werke aus martialischem Material, die dennoch ganz fein und ästhetisch mir entgegentreten. Er geht an Orte, wie z.B. leerstehende Werftgebäude oder Schiffskadaver und arbeitet mit dem vor Ort, was sich ihm dort aufdrängt und bietet.

Was sind für mich „Kreativitätskiller“?

Kleidung, die nicht dreckig werden darf, Sonntagnachmittage, die man verbringen muss wie alle Leute: Spazieren gehen, Besuch einladen, Kaffee und Kuchen, Langeweile eben, weil genormt. Langweilige Touristenorte, steril, sauber und glatt.

Wie definiere ich „Kreativität“?

Kreativität ist für mich ein Katalysator für das Schöpferische. In der Kreativität bin ich noch am Machen, im Schöpferischen geschieht es, vollzieht es sich, entsteht ein Werk (entstehen Werke), die rund sind, aus einem Guss. Sie tragen eine Lebendigkeit und Vitalität in sich, die andere erreicht, die über mein Anliegen hinaus gehen und andere Menschen erreichen. Im kreativen Tun bin ich gedanklich, handwerklich, technisch einerseits und in der Erwärmungsphase andererseits.

Wie sieht ein schöpferischer Tag bei mir aus?

Ausgeschlafen gegen Mittag mit Milchkaffee in der Hand, Projekte begutachten, spüren, wo die Energie ist und wo ich mit Lust anfangen bzw. weiterarbeiten will. Wichtig ist das Gefühl von „open end“ (zeitlich offenes Ende), sprich keine Zeitbegrenzung zu haben. Mindestens für den Tag, am Besten aber für mehrere Tage.

Wenn ich zurückblicke: Was waren für mich schöpferische Momente?

Hingegebene Momente, ohne Kopf, völlig vertieft und entspannt, sehr konzentriert und fokussiert und wenn sich dann alles fügt. Beim Finden von Materialien gibt es ähnliche Momente. Sie sind die Voraussetzung für den weiteren Schaffensprozess. Es ist ein glückseliges Erleben, kleine Offenbarungen, wenn ich irgendwo im Unterholz, im Gebüsch und Gesträuch und unter Kisten, Steinen und Brettern die „schönen“ Materialien und meine Schätze finde. Das ist Staunen, Hingabe und totales Gegenwärtig sein. Diese Erfahrung räumt mich jedes Mal innerlich auf und stimmt mich selig, „glättet meine Seele“.

angeregt durch Braun, Jean-Peter (Hg.). Mysterium Kreativität. 13 Künstler geben Antworten. ars momentum. 2010. Witten




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